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64% der Befragten sagen Nein zu Hintertüren bei Verschlüsselung

Ein Interview mit Istvan Lam, CEO und Mitgründer von Tresorit, einer Ende-zu-Ende-verschlüsselten Lösung zum Synchronisieren und Teilen von Dateien

2019-10-30
Da Menschen ihr Vertrauen in die gängigen Techgiganten immer mehr verlieren, suchen sie vermehrt nach sicheren Lösungen, die ihre Privatsphäre und die Vertraulichkeit ihrer digitalen Daten respektieren. Das geht aus einer aktuellen Studie von YouGov hervor, die von dem Cloudverschlüsselungsunternehmen Tresorit beauftragt wurde. Wir haben uns mit dem CEO von Tresorit, Istvan Lam, zusammengesetzt und über die Ergebnisse diskutiert.

Die Ergebnisse der YouGov-Studie zeigen, dass nur 6% der Befragten den Techgiganten - inklusive Google, Facebook und Apple - vollständig vertrauen, ihre Daten rechtmäßig handzuhaben. Wie lässt sich dieser niedrige Pozentsatz erklären?

Ich finde dieses Ergebnis nicht überraschend. Als das Internet noch neu war, waren die Leute einfach froh, dass sie viele Services kostenlos erlangen konnten und hatten sich nicht überlegt, warum diese umsonst verfügbar waren. Diese Zeiten sind aber inzwischen lange vorbei. Heute sind die Menschen sich viel bewusster, wie ihre Daten von Technologiefirmen verwendet werden. Sie werden im ganzen Netz mit Werbungen bombardiert, so dass manche sich inzwischen sogar fragen, ob Google und Facebook ihre Gespräche abhören. Die zahlreichen Datenskandale und Datenmissbrauchsfälle haben auch dazu beigetragen, dass das Vertrauen nicht mehr gegeben ist. Es ist ein logisches Resultat, dass die Menschen bewusster und weniger vertrauensvoll bezüglich der Verwaltung ihrer Daten durch Techgiganten geworden sind. Das ist eine positive Tendenz.

Ist es möglich, dieses Vertrauen zurückzugewinnen, oder sollten wir uns daran gewöhnen, dass wir in einer digitalen Welt ohne Vertrauen leben?

Aus den Umfrageergebnissen geht hervor, dass fast zwei Drittel der Befragten glauben, dass Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zum Schutz der digitalen Privatsphäre beitragen kann. Zwar nutzen viele Anbieter von heute irgendeine Form von Verschlüsselungstechnologie, doch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist etwas besonderes, da der Anbieter die gespeicherten Nutzerdaten dabei nicht einsehen kann. Die Verschlüsselung erfolgt clientseitig und die Daten sind ausschließlich für befugte Personen zugänglich.

Es ist interessant, dass 41% der Befragten Facebook mehr vertrauen würden, wenn das soziale Netzwerk Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutzen würde. Obwohl das vielversprechend ist, sind große Versprechen in puncto Privatsphäre von Techfirmen, die Geld aus Nutzerdaten machen, oft irreführend und schaffen ein falsches Sicherheitsgefühl. Man muss im Auge behalten, dass datenhungrige Unternehmen immer einen Weg finden werden, auf Nutzerdaten zuzugreifen. Auch wenn sie keinen Zugriff auf die Nachrichten und Dateien der User haben, können sie nützliche Prognosen aus den verfügbaren und unverschlüsselten Metadaten (Zeitpunkt der Anmeldung, mit dem Konto assoziierte E-Mail-Adressen, verbrachte Zeit auf der Plattform usw.) ableiten.

Laut den Ergebnissen könnte also Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eine große Rolle dabei spielen, das Vertrauen in digitale Services wiederherzustellen. Das widerspricht der neulich von einigen Regierungen in Umlauf gebrachten Idee, dass Hintertüren in die Technologie der Ende-zu-Ende-verschlüsselten Dienste eingebaut werden könnten. Was meinst du dazu?

Ich habe meine Stimme in der Vergangenheit mehrmals gegen Hintertüren erhoben. Hintertüren könnten nicht nur die Sicherheit des ganzen digitalen Ökosystems in Gefahr bringen, sondern auch unsere Fähigkeit gefährden, unsere Meinungen online frei formulieren und ausdrücken zu können.

Diesmal haben auch andere Menschen ihre Stimme erhoben. 64% meinen, dass niemand, nicht einmal Rechtsbehörden, Zugriff auf ihre Informationen haben sollten. Außerdem denken 62% der Befragten, dass Hintertüren für Behörden zum Umgehen von Privatsphäre und Sicherheit zusätzliche Bedrohungen durch Kriminelle und Terroristen schaffen können.

Hinter der Gesetzesinitiative, die Hintertüren in E2EE-Apps integrieren würde, versteckt sich der Gedanke, dass diese Rechtsbehörden helfen könnten, Kriminellen und Terroristen auf die Spur zu kommen. Wenn aber Gesetze wie diese durchgesetzt werden, wenden sich Kriminelle einfach anderen Kommunikationskanälen zu und Ottonormalverbraucher werden die Konsequenzen erleiden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Was würdest du Nutzern vorschlagen, die ihre digitale Privatsphäre schützen möchten?

Sie sollten sichere Alternativen wählen! Es ist wichtig zu recherchieren, wie das Geschäftsmodell des Anbieters aussieht und welche Sicherheitsfunktionen dieser im Angebot hat. Halten Sie Ausschau nach Firmen, deren Produkt Ihre Privatsphäre von Grund auf schützt. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist meistens ein gutes Zeichen dafür.


Über Istvan Lam

Tresorit CEO Istvan Lam.

Istvan Lam ist Kryptograph, Mitgründer und CEO von Tresorit, einer Ende-zu-Ende-verschlüsselten Lösung zum Synchronisieren und Teilen von Dateien, die vertrauliche Informationen von Grund auf schützt. Tresorit wurde 2011 gegründet, als Istvan noch an der Universität studierte. Der preisgekrönte Service bietet heute mehr als 25.000 Nutzern weltweit ein sicheres Arbeitsumfeld in der Cloud. Istvan vertritt die Überzeugung, dass jeder Mensch ein Recht auf Privatsphäre hat, und ist ein leidenschaftlicher Befürworter, wenn es darum geht, das Bewusstsein zu stärken, welche Rolle Verschlüsselung beim Datenschutz spielt und welche Herausforderungen es beim Erstellen von Richtlinien und Technologien gibt, die die Privatsphäre der Bürger schützen.