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Warum ein Social Credit-System so beängstigend ist.

Die Massenüberwachung ist überall um uns herum, und die möglichen Folgen sollten Sie nicht kalt lassen.

2019-10-21
Es ist die Woche der Rede- und Meinungsfreiheit. Werfen wir also einen Blick auf deren schlimmsten Feind: die Massenüberwachung und ihre Folgen. Die moderne Form der Massenüberwachung, die Online-Überwachung, ist einfach, kostengünstig und schnell. Die online gesammelten Überwachungsdaten können leicht aggregiert und dazu benutzt werden, um bspw. ein Social Credit-System aufzubauen. Das hat Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit, und zwar in der schlimmsten Art und Weise.

Social Credit-System

Wenn die Menschen Social Credit-System hören, denkt jeder an China und das aufkommende chinesische System, um die Menschen dazu zu bringen, nach den Regeln der Regierung zu leben. Doch in vielen weiteren Ländern gibt es bereits Social Credit-Systeme, auch hier in Europa und Amerika.

Privates Social Credit-System

Natürlich nennt es niemand Social Credit-System, aber wenn man darüber nachdenkt, ist es schon da: Die Versicherungsgesellschaft, die Ihre Risikoprämie auf der Grundlage von Informationen aus Social Media berechnet. Die Bank, die Ihre finanzielle Glaubwürdigkeit und damit Ihre Zinsen berechnet, basierend auf Informationen der Schufa. AirBnB und Uber, die Kundenkonten deaktivieren, z.B. wenn ein Hausbesitzer oder Fahrer diese wegen "schlechten Verhaltens" gemeldet haben, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, Widerspruch einzulegen.

Dies sind nur einige Beispiele, die deutlich zeigen, dass eine Form des Social Credit-Systems bereits etabliert ist. Es gibt Unternehmen, die Informationen über Sie sammeln, und diese Informationen führen zu Konsequenzen. Das ist im Grunde genommen dasselbe wie ein Social Credit-System.

Der einzige Unterschied zum sich abzeichnenden chinesischen System besteht darin, dass diese ganzen Daten noch nicht miteinander verbunden sind. Wenn Uber Sie blockiert, können Sie immer noch ein Taxi benutzen. Wenn eine Versicherung eine hohe Prämie verlangt, können Sie versuchen, eine andere zu bekommen. Aber was ist, wenn sich das ändert?

Das Web ist eine Überwachungsmaschine.

So wie es heute aussieht, sind Sie das, was Sie anklicken. Sobald Sie auf das Internet zugreifen, wird alles, was Sie tun, von Ihrem Browser, von Dritten mit Hilfe von Cookies, von fast allen Seiten, auf denen Sie angemeldet sind (Google, Facebook, etc.), verfolgt.

Das gesamte Internet ist eine reine Überwachungsmaschine. Die von Ihnen freiwillig angegebenen Daten werden zusammengefasst, um ein Profil über Sie zu erstellen. Bislang wird dieses Profil "nur" für gezielte Werbung genutzt.

Die Folgen sind im Moment nicht schön, aber auch nicht allzu problematisch: Die Ihnen gezeigten Anzeigen können zu überteuerten Produkten und Dienstleistungen führen, weil Ihr Profil vermuten lässt, dass Sie bereit sind, zu viel dafür zu bezahlen. Ob weil Sie ein Fan sind, oder weil Sie die Bequemlichkeit eines schnellen Online-Kaufs mögen, oder einfach weil Sie zu viel Geld haben und es Ihnen daher egal ist.

Im Moment ist es einfach, die Folgen der Online-Überwachung herauszufiltern, indem man einfach einen Werbeblocker installiert.

Verbundene Überwachungsmaschine

Im Moment hat jedes Unternehmen und jede Behörde nur einen Teil der Daten. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft alle online verfügbaren Daten miteinander verbunden werden.

Wenn Sie mehrere Google-Dienste nutzen, geschieht dies bereits. Doch mit einer besseren Tracking-Technologie werden Technologieunternehmen einen Weg finden, Ihre über verschiedene Services gesammelten Daten zu verbinden: Ihr Google-Nutzerprofil wird mit Ihrem Facebook-Profil zusammengeführt; dies wird mit Ihrem Versicherungsprofil zusammengeführt und so weiter.

Und genau das klingt an dem chinesischen Social Credit-System ja so beängstigend: Westliche Medien deuten bereits an, dass diese Zusammenführung von Informationen in China schon stattfindet. Die Verbindung von vielen Informationen über einzelne Menschen, die zu einer individuellen Punktzahl führen, die den Menschen entweder hilft, besondere Dinge im Leben zu erreichen, oder eben die Menschen daran hindert.

Sobald dies geschieht, sobald alle Daten verbunden sind und ein Profil über Sie erstellt ist, wird es sehr schwierig sein, dieses Profil zu ändern.

Konsequenzen für das wirkliche Leben

Dieses virtuelle Profil von Ihnen wird zu realen Konsequenzen führen: Sie erhalten möglicherweise nicht das Darlehen, das Sie benötigen, um ein Haus zu kaufen. Sie erhalten möglicherweise keine Autoversicherung und müssen daher wegen eines schlechten Social Credits mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.

Die meisten Menschen denken, dass solche Folgen sie nicht betreffen werden, weil sie ein gutes Leben führen. Schließlich ist das das Ziel eines jeden Social Credit-Systems dieses: Menschen zu zwingen, ein gutes Leben zu führen. Und was ist daran so schlimm?

Definition von "gut"

Das Problem ist die Definition von "gut: Für Unternehmen könnte "gute" Menschen solche sein, die wiederkehrende Kunden sind, die zu viel kaufen und zu viel ausgeben.

Für Regierungen könnte "gute" Menschen solche sein, die die Regeln befolgen und der Regierung nicht widersprechen. Niemals. Egal, was die Regierung entscheidet.

Social Credit-System zerstört Freiheit

So oder so, ob Sie einem Unternehmen in der Hoffnung auf ein besseres Geschäft gefallen wollen oder einer Regierung, jede Form des Social Credit-Systems wird zu Selbstzensur führen.

Sie werden Ihre Bilder von der gestrigen Party nicht mehr in den sozialen Medien teilen, aus Angst, dass Ihre Krankenversicherungsbeiträge steigen. Oder Sie werden keine Bilder mehr von der letzten Demonstration posten, aus Angst, dass Ihre Regierung Sie möglicherweise nicht an der Universität studieren lässt.

Noch schlimmer: Sie könnten aufhören zu feiern oder zu Demonstrationen zu gehen.

Am Ende wird das Social Credit-System zu einer Selbstzensur in einem Ausmaß führen, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Angetrieben von einer umfassenden Online-Überwachung wird die Mehrheit der Menschen versuchen, sich bestmöglich zu präsentieren, immer und überall, auch in ihren privaten Gesprächen.

Die Meinungsfreiheit wird durch Social Credit-Systeme unterwandert

Die Meinungsfreiheit wird durch die meisten Verfassungen geschützt, und das aus einem sehr guten Grund. Nur mit Rede- und Meinungsfreiheit können wir jedes Thema frei diskutieren, neue Ideen entwickeln und unsere demokratischen Gesellschaften zu besseren Orten für alle entwickeln.

Jedes Social Credit-System - ob privat oder öffentlich - untergräbt die Meinungsfreiheit.

Auch wenn es in unseren westlichen Demokratien keinen staatlichen Akteur gibt, der versucht, ein solches System einzuführen, ist die Bedrohung nach wie vor vorhanden.

Während wir das chinesische Social Credit-System als "schlecht" wahrnehmen - weil eine undemokratische Regierung es nutzen will, um ihre Bürger dazu zu bringen, die Regeln einzuhalten, sind die privaten Social Credit-Systeme, die derzeit in unseren Gesellschaften entstehen, keinesfalls besser.

Meinungsfreiheit braucht Privatsphäre

Deshalb sind Meinungsfreiheit und Privatsphäre miteinander verbunden. Nur wenn Sie Ihre privaten Daten privat halten können, ist es für staatliche Akteure oder Unternehmen unmöglich, Ihre Daten zu sammeln und ein Profil über Sie zu erstellen.

Leider sind Technologieunternehmen bei der Entwicklung von Überwachungsapplikationen und -diensten viel schneller als staatliche Akteure bei der Verabschiedung von Gesetzen zum Schutz unseres Rechts auf Privatsphäre, wie beispielsweise der europäischen DSGVO.

Im Moment besteht die einzige Möglichkeit, sich vor umfassendem Data Mining zu schützen, darin, Dienste zu wählen, die unsere Privatsphäre schützen. Um einen Anfang zu machen, sind hier unsere Empfehlungen, wie Sie Google & Facebook hinter sich lassen können.

Kämpfen Sie mit uns für unser Recht auf Privatsphäre!

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